Wäre Tram 83 ein Theaterstück, ich wär wahrscheinlich rausgegangen 😵💫. Als Leserin will ich wissen, wie’s zu Ende geht, auch wenn mir der betont provokante Stil, die theatrale Inszenierung, die stilistischen Wiederholungen, der chauvinistische Blick auf die Nerven gehen. Eigentlich erzählt der kongolesisch-österreichische Autor Fiston Mwanza Mujjila eine interessante Geschichte, angesiedelt in der fiktiven, postkolonialen, molochartigen Metropole „Stadtland“ (Kinshasa calling..?). Dort, in der Bar Tram 83, trifft sich die vom Überlebenskampf gezeichnete Stadt auf große Mengen Brazza-Bier: Die Studis, die Minenarbeiter, die gewinnorientierten Touristen erster Klasse, die Touristen zweiter Klasse, die sich prostituierenden Single Mamis, Ex-Kindersoldaten, Gauner. Und alle schwingen zum Takt des live dargebrachten Jazz. Mittendrin: Julien, ein Schriftsteller, der sich weigert, als System-Autor seine Werte zu verraten und sein frenemy (Halbbruder gar?) Requiem aka Negus, Ex-Oberleutnant, Oppositioneller und Widersacher, der sein Geld mit illegalem Rohstoff-Handel verdient (wirklich Geld verdienen tun die ausländischen Touristen am Raubbau, dafür sorgt der Machthaber, der abtrünnige General). Nicht umsonst ist es der Jazz, der in dieser Story den Rhythmus vorgibt, ständig werden Dialoge, Beschreibungen wiederholt, variiert, im Mittelpunkt der Handlung immer wieder das Tram 83, einziger relief in einem durch und durch abgefuckten Alltag. Nach und nach erfahren wir, wer Julien und Requiem sind, was sie in der Vergangenheit verbindet und, für mich am spannendsten, wie die Gesellschaft organisiert ist in dieser Großstadt, politisch instabil, im Kampf um Bodenschätze, im Umgang mit dem täglichen Tod. Das Buch schafft eine große Präsenz, ein Hier und Jetzt, ein im Moment sein, das nötig ist, wenn das Leben unsicher, nicht planbar ist. Aber am Ende ist Tram 83 für mich zu derbe, ein barbarisches, apokalyptisches Buch ohne Empathie, ohne Katharsis. Wegen der Musikalität bestimmt besser im französischen Original, wie wahrscheinlich alle jazzigen Texte (James Baldwin, Toni Cade Bambara, Toni Morrison).
Jetzt lesen: Fiston Mwanza Mujila: Tram 83 (Deutsch)



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